NachwuchsdesignerInnen der Modefachschule Sigmaringen verwandelten das Leder ausrangierter Sofas in Couture-Outfits und ungewöhnliche Accessoires. Und begeisterten damit bei der Jubiläumsausgabe zum 30-jährigen Bestehen der Munich Fabric Start Mitte Juli das internationale Fachpublikum.
München/Sigmaringen (kok). Jedes Jahr werden in den Niederlanden 90 Millionen Kilogramm gebrauchter Möbel vernichtet. Darunter etwa zwei Prozent Ledersofas oder -sessel, deren Leder zwar Spuren vom Gebrauch zeigt, aber noch durchaus schön ist. Die niederländische Unternehmerin Femke Mostert hat daraus eine Geschäftsidee gemacht: Sie rettet diese Möbel, um dem hochwertigen Material ein neues Leben zu schenken. Dafür verkauft sie das Leder für gewöhnlich an DesignerInnen, die es in verwandelter Form als neues Produkt wieder dem Markt zuführen. Die Idee der „colleatheration“ verbreitet sich mehr und mehr. Für die diesjährige 30. Ausgabe der Munich Fabric Start stellte Femke Mostert der Messe schwarzes Couchleder für das Sustainable Innovations Forum zur Verfügung. In die Hand bekamen es SchülerInnen der Modefachschule Sigmaringen, die aus den Ledersofas außergewöhnliche Couture-Outfits und passende Accessoires entwarfen.
Das staatlich anerkannte Berufskolleg für Mode und Design hat bereits in den vergangenen Jahren mit nachhaltigen und kreativen Kollaborationen für Aufsehen gesorgt. Fashion neu und „out of the box“, also jenseits sonst gültiger Normen und Schnitte zu denken, ist zum Markenzeichen der baden-württembergischen Bildungseinrichtung geworden, die seit über 110 Jahren den Nachwuchs in den Bereichen Modedesign und Maßschneider praxisorientiert auf die sich beständig wandelnde Fashionbranche vorbereitet. Als einzige Bildungsinstitution war die Schule darum zum Sustainable Innovations Forum auf die Munich Fabric Start eingeladen worden, die als eine der führenden internationalen Textilmessen Europas gilt.
„Wer sich fragt, was man mit eigentlich entwerteten Dingen noch machen kann, eröffnet den Raum für neue Wertschöpfungsketten und damit für eine sinnvolle Kreislaufwirtschaft“, erklären Annette Hecht-Bauer und Jutta Erb das Prinzip, das auch zur Munich Fabric Start zum Einsatz kam. Die beiden Dozentinnen der Modefachschule Sigmaringen begleiten schon seit Jahren Design-Projekte, in denen auch mit Mode eher ferner stehenden Firmen und Institutionen zusammengearbeitet wird. Upcycling und Recycling lauten dabei die kreativen Methoden, die mit Blick auf die Nachhaltigkeit angesichts ökologischer und auch ethischer Gesichtspunkte angewandt werden. Es gibt wohl kaum ein Material, an dessen Geschichte „Fashiondesign made in Sigmaringen“ dabei nicht schon angesetzt hätte – neben Dead Stock aus Restbeständen von Labels darunter auch eher ungewöhnlichere Materialien wie Aluminium und Werkstoffe aus der Automobilindustrie oder sogar Müll. Für das Projekt im Rahmen des Sustainable Innovations Forums auf der Munich Fabric Start kombinierte eine Gruppe von 12 Teilnehmerinnen aus dem zweiten Jahrgang der Schule für ihre Entwürfe neben dem von „colleatheration“ gesponserten Leder auch weitere gespendete Materialien wie schwarze Jeans und unterschiedliche Garne. Alle damit gefertigten Teile sollten so konzipiert und gestaltet sein, dass sie immer wieder neu miteinander kombiniert werden können. „Eine solch modulare Arbeitsweise“, so die beiden Dozentinnen, „bringt die SchülerInnen nicht nur ganz nah ran an die Materialien und deren Verarbeitung, sondern sie weitet auch den Horizont.“ Wer zum Beispiel darüber nachdenken müsse, wie man auf sonst übliche Verschlüsse verzichtet, der eröffne sich damit auch Möglichkeiten zu neuen Designs.
Zwei Monate hatten die NachwuchsdesignerInnen auf diese Weise gearbeitet, bevor ihre Couture-Outfits auf der Munich Fabric Start präsentiert wurden. An drei Messetagen zeigten die Nachwuchsdesignerinnen dabei dem Fachpublikum an Schaufensterpuppen, wie die entstandenen Bekleidungsteile und Accessoires immer wieder neu miteinander kombiniert werden können. Außerdem stellten sie ihre innovative Arbeitsweise bei einem von Simon Angel – Kurator des Sustainable Innovations Forums – moderierten Interview dem Publikum vor. „Der Austausch mit den MessebesucherInnen ist für die Teilnehmenden des Projekts ein zusätzlicher Lerneffekt und stellen eine Erfahrung dar, die so im Rahmen des Schulalltags nicht möglich ist“, urteilten die beiden das Projekt begleitenden Lehrpersonen Annette Hecht-Bauer und Jutta Erb zum Ende der Messe. „So lernen die SchülerInnen der Modefachschule Sigmaringen früh, ihre Ideen überzeugend zu kommunizieren und mit unterschiedlichem Feedback umzugehen.“
Die Modefachschule Sigmaringen, die – neben der Ausbildung in den Bereichen Modedesign, Maßschneider und Maßschneidermeister – in Zusammenarbeit mit der Steinbeis-Hochschule Berlin und der Hochschule Albstadt-Sigmaringen auch Studiengänge in (Mode-)Management beziehungsweise Textil- und Bekleidungstechnologie anbietet, knüpft bewusst Netzwerke in viele Branchen. Sie eröffnet ihren AbsolventInnen damit nicht nur die Möglichkeit, die eigenen handwerklichen Fähigkeiten in Kombination mit digitalen Techniken kreativ einzusetzen und die eigene Flexibilität zu trainieren. Sondern will damit auch die Chancen erhöhen, sich mögliche Zugänge in unterschiedliche Arbeitsbereiche und Branchen zu erschließen.
Bildinformationen:
1) Von der Couch zur Couture: Wer Materialwerte überdenkt und jenseits üblicher Verarbeitungsmethoden arbeitet, kann Mode nicht nur nachhaltig, sondern vor allem neu buchstabieren. Mit interdisziplinären Projekten wie dem für die Munich Fabric Start setzt die Modefachschule Sigmaringen Zeichen für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft in der Fashionbranche.
2) Begleitet von den Projekt-Dozentinnen Annette Hecht-Bauer und Jutta Erb stellten die Teilnehmenden des nachhaltigen Projekts auf der Munich Fabric Start die Outfits und Accessoires vor, die auf Basis einer Lederspende der niederländischen Unternehmerin Femke Moster entstanden waren. Zustande gekommen war der Kontakt zum Sustainable Innovations Forum unter anderem durch den Stickexperten Reiner Knochel, der ebenfalls an der Modefachschule Sigmaringen unterrichtet.
3) Auf dem Podium des Sustainable Innovation Forums und im Gespräch mit Kurator Simon Angel erläuterten die Projekt-Teilnehmenden der Modefachschule Sigmaringen dem Fachpublikum ihre Herangehensweise unter anderem im Umgang mit dem Wertstoff Leder.
© Text: Karin Kontny
© alle Bilder: Patrick Pfeiffer/Modefachschule Sigmaringen







